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Einstellungsfrage

Einstellungsfrage

veröffentlicht am 20.06.2019

Kraft ist eine Frage der Einstellung

„Kraft ist Einstellungssache“, behauptet Charley Radcliffe, passionierter Bergsteiger und Skifahrer. Während er in großer Höhe Berge bezwang, plagten ihn beim Deadlift innere Blockaden und Selbstzweifel: er bekam das von ihm angestrebte Gewicht einfach nicht gestemmt. Wie die Imagination ihm dabei half, den Deadlift zu meistern, davon berichtet er in diesem Artikel. Ein Denkanstoß für alle zum Thema „Selbstvertrauen beim Training“.

150kg beim Kreuzheben zu stemmen, schaffen einige. Das ist im Großen und Ganzen kein Kunststück. Durch Selbstzweifel und innere Blockaden werden zahlreiche Sportler jedoch daran gehindert – der Deadlift ist ihnen dann ein Dorn im Auge und die inneren Zweifel zu überwinden, ist nicht einfach. Aber: Die Zweifel sind meist ein mentales Problem!

MEHR LEISTUNG DURCH SELBSTVERTRAUEN

Die Gabe, von Natur aus selbstsicher zu sein, hat nicht jeder Mensch. Nach außen wirken viele zwar selbstsicher, aber in Wirklichkeit sind auch sie von Selbstzweifeln und Versagensängsten geplagt und wollen sich nicht vor Kollegen und Freunden blamieren. Wir Menschen umgeben uns oft-mals mit einer Schutzhülle der Selbstsicherheit, um zu verhindern, dass die anderen unsere Sorgen und Unsicherheiten wahrnehmen. Wir alle haben unsere Probleme – doch solange sie sich nicht lähmend auf uns auswirken, ist das nichts Schlimmes. Es handelt sich meist um einen inneren Prozess, der nach außen hin nicht offensichtlich in Erscheinung tritt. Aber an einigen Stellen ist er dennoch wahrnehmbar und besonders an zwei Parametern kann man sehr gut erkennen, wie ein Mangel an Selbstvertrauen viele Menschen ganz konkret beeinträchtigen kann: an Kraft und Leistung.

„Ich visualisierte jede Phase der Bewegung – vom Gefühl, wie sie sich insgesamt anfühlen würde, bis dahin, wie es sich anfühlen würde, die Hantel oben zu halten.“

SEIN ZIEL VISUALISIEREN

Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 dominierte Michael Phelps einen Schwimmwettkampf nach dem anderen. Er ging mit acht Goldmedaillen nach Hause – eine absolut einmalige und unglaubliche Bestleistung. In einem Interview wurde Phelps gefragt, wie er all seine Medaillen so selbstbewusst habe gewinnen können, und er antwortete, dass es daran gelegen habe, dass er den Wettkampf vorher visualisiert habe. Schon bevor er seine Badehose angezogen habe, habe er jeden Schlag und jeden Atemzug schon einmal erlebt und alle Wettkämpfe bereits im Kopf gewonnen. Phelps ging jedes Mal in den Wettkampf nicht um zu kämpfen, sondern um seinen mental bereits errungenen Sieg abzuholen. Wie konnte er sich so sicher sein, dass er den Wettkampf gewinnen würde? Wie konnte er sich so sicher sein, dass er so viel stärker, schneller und besser sein würde als alle anderen?

 

VOM KLETTERN ZUM FUNCTIONAL TRAINING

An dieser Stelle möchte ich von einer persönlichen Erfahrung berichten: Vor etwa zehn Jahren entdeckte ich das Klettern und – was noch wichtiger war – den Alpinismus; die Kunst, Felsen schnell und mühelos zu bewältigen. Bei den ersten Schritten in diese neue Welt hatte auch ich mit den besagten (Selbst-)Zweifeln und Ängsten zu kämpfen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von dieser Sportart und sah staunend den Kletterern zu, wie sie loszogen, um gigantische Eisfälle und Granitwände zu bezwingen. Aber mit der Zeit sammelte ich mehr Erfahrung und damit auch das Vertrauen in meine Kraft und meine Fähigkeiten. Trotzdem hat es Situationen gegeben, die ziemlich aus dem Ruder liefen und in denen die Konsequenzen hätten gravierender sein können. Bevor ich mich solchen Situationen aussetze, stelle ich sicher, dass ich sie wirklich bewältigen kann. Ich visualisiere vorab, wie ich die entsprechenden Bewegungen durchführen werde, und wenn ich dann loslege, habe ich mir bereits das entscheidende Selbstvertrauen und das mentale Rüstzeug aufgebaut, um die Situation zu bewältigen – genau so kann es auch im Functional Training laufen!

DIE HERAUSFORDERUNG: DEADLIFT MIT 140 KG

Meine Fähigkeit, Erfolge vorab zu visualisieren und zu erzielen, wurde auf die Probe gestellt, als ich Langhanteln verwenden bzw. den Deadlift meistern wollte. Nachdem ich ihn ausprobiert hatte, war ich sofort süchtig nach seinen Vorzügen und dem Erfolgserlebnis. Es gibt doch nichts Befriedigenderes, als etwas Schweres vom Boden aufzuheben und es wieder abzusetzen. Ich arbeitete mich schnell auf ein One-Repitition-Maximum von bescheidenen 120 kg hoch. Bei einem Körpergewicht von 80 kg war ich mit dem 1,5- Fachen meines Körpergewichts als Startpunkt sehr zufrieden. Recherchen ergaben allerdings, dass ein solider Vergleichswert beim Doppelten des Körpergewichts liegt, also für mich bei 160 kg. Dank des Trainings schraubte ich das Gewicht langsam hoch: zuerst auf 125 kg, dann auf 130 kg, dann auf 135 kg und dann – nichts. Ich kam nicht über 135 kg! Ich hielt mich an erprobte Trainingsmethoden von erfolgreichen, qualifizierten Coaches. Ich schaffte fünf Sätze mit fünf Wiederholungen zu je 125 kg – warum konnte ich dann nicht 140 kg heben? Ich bekam die Hanteln gerade einmal ein paar Zentimeter hoch. Mit einem Coach arbeitete ich an meiner Technik und auch wenn er mir einige wertvolle Hinweise geben konnte, meine Technik war solide. Aber immer noch – nichts. Je mehr ich darüber nachdachte, desto deutlicher erkannte ich, dass das Problem weder mein Körper noch meine Technik war. Das Problem war in meinem Kopf.

DIE MACHT DER IMAGINATION

Jedes Mal, wenn ich an die 140-kg-Hantel ging, sagte ich mir, ich würde mein Bestes geben und mich bis zum Äußersten anstrengen. Und jedes Mal – nichts. Ich machte eine Pause. Es kam mir vor, als würde ich mit dem Kopf gegen eine Wand laufen, und ich war unglaublich frustriert. Nach ein paar Wochen Pause trainierte ich mit einem Freund und er wollte seinen Deadlift testen. Ich war ziemlich nervös, aber ich dachte, „Okay, lass es mich noch mal probieren“. Während wir uns aufwärmten und das Gewicht steigerten, fühlte ich mich großartig. Ich merkte gar nicht, dass ich schon bei 135 kg war, und die Hantel löste sich zügig vom Boden. Nicht mühelos, aber ich merkte, dass ich noch einige Reserven hatte. Als wir die 140 kg aufluden, sah ich sie mir an und wusste, dass ich es schaffen würde. Ich visualisierte jede Phase der Bewegung – vom Gefühl, wie sie sich insgesamt anfühlen würde, bis dahin, wie es sich anfühlen würde, die Hantel oben zu halten. Nachdem ich den Lift schon einmal im Geiste durchgegangen war, trat ich an die Hantel heran und zog es durch. Perfekt! Das Adrenalin schoss durch meine Adern und ich wusste, dass ich noch mehr heben konnte. 145 kg wurden aufgelegt und stiegen in die Luft. Dann probierte ich 150 kg – und zu meinem Erstaunen: Auch sie flogen nach oben. Nun, „fliegen“ trifft es vielleicht nicht wirklich; ich musste schon sehr die Zähne zusammenbeißen, um das Gewicht oben zu halten, aber das Heben gelang mir problemlos. Nach dieser abschließenden Anstrengung fühlte ich mich völlig erschöpft und war – zumindest an diesem Tag – nicht mehr zu gebrauchen. Aber was für ein Tag! Ich war vollkommen begeistert, dass ich es geschafft hatte, meine persönliche Bestleistung um 15 kg zu steigern. Ich war in der vergangenen Zeit nicht stärker geworden, daher wusste ich, dieser Riesensprung hatte seinen Ursprung nur in meinem Kopf.

FORTSCHRITTE BEGINNEN IM KOPF

Wer Fortschritte machen will, der muss an sich selbst und an das, was er tut, glauben. Kraft und Leistung sind definitiv eine Einstellungssache.

Quelle: Functional Training Magazin
Autor: Charley Radcliffe